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Architekturtheorie


Thorsten Reinicke
© 2002, 2018/19 Hamburg
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Urhütte + Refugium

(in Arbeit)

»Domus tutissimum cuique refugium atque receptaculum.«
»Das eigene Haus ist für jeden der sicherste Zufluchtsort.«

Dieser Satz stammt aus der Corpus iuris civilis, eine antike-römische Gesetzesammlung, welche bis ins 19. Jahrhundert wichtigste Textgrundlage des in weiten Teilen Europas angewandten Römischen Rechts war. Ihr Inhalt ist in zahlreiche moderne Gesetzeswerke und Rechtsordnungen eingegangen.

Mit diesem Satz wird die Bedeutung des Ortes herausgestellt, an dem wir geschützt sein und uns entfalten können.

Die Urhütte

Unsere Vorfahren der Jäger und Sammler wurden mit dem Aufkommen von erzeugenden Wirtschaftsweisen wie Ackerbau und Viehzucht seßhaft. Es wurden feste Behausungen notwendig. Das althochdeutsche wonên bedeutet bleiben, zufrieden sein, oder eben wohnen.

Die vitruvianische Urhütte stellt die idealisierte Form dieses ursprünglichen Bedürfnisses dar, ein Anfang von Technik und Architektur. Hier eine allegorische Darstellung.

Bild von Charles Eisen auf dem Buchtitel Essai sur l’Architecture (1755) von Marc-Antoine Laugier

Refugium

Der Gedanke, sich eigenständig und selbstbestimmt wettergeschützt einzurichten, ist ein Ur-Wunsch des Menschen. Er ist zeitlos und universell, und gilt für unterschiedlichste Situationen und vielfältigste Formen. Es geht hier um ein uraltes und unverzichtbares Grundbedürfnis, um den Zufluchtsort eines Individuums, um unser Refugium.

Hütte am See in Kochel am See Zelt des Autors auf Spiekeroog Kleines Boot auf der Weser in Bremen Schrebergarten in Hamburg

Einfamilienhaus

Ein Einfamilienhaus ist ein Gebäude, welches als Wohnhaus für eine Familie oder eine kleine Gruppe von Menschen dient, die einen gemeinsamen Haushalt führen. Es hat nur eine Nutzungseinheit.

Das Einfamlienhaus steht derzeit in Deutschland in der Kritik, da es viel Fläche verbrauchen würde. Je größer die Grundstücke sind, je weiter die Häuser auseinanderliegen, je aufwändiger würde die Erschließung wie Straßen, Zu- und Abwasser, Stromversorgung u.a..

Andererseits bietet das Einfamlienhaus-Grundstück vielfältige Möglichkeiten. Es können Obstbäume, Beerensträucher oder Gemüse zur Selbstversorung angepflanzt werden, was anderweitig Flächen einsparen kann. Es kann auch Raum für eine ursprüngliche Natur und Habitate für Arten bieten, sowie über Wechselwirkungen zwischen Habitaten mit für den Arterhalt sorgen. Da kann der vermeindliche Landverbrauch in den Hintergrund rücken. Da zudem das Sonnenlicht dezentral einstrahlt, kann ein Einfamilienhaus in der Lage sein, sich selbst autark mit Energie zu versorgen. Durch die Bauweise und Südausrichtung ließe sich viel erreichen.

Das Einfamilienhaus entspricht Dem, was dem Wunsch des Menschen nach einem selbstbestimmten Refugium am nächsten kommt.

Nachteil Flächenverbrauch, Vorteile individuelle Entfaltung und Ökologie

Holm, Warnemünde

Stadthaus

Das zwei- bis dreigeschossige Stadthaus stellt eine gehobene Form des städtisches Wohnen dar.

Blumenstraße

Ungefähr eine bis fünf Parteien
Alleinstehende, Paare, Familien, Wohngemeinschaften

Städtisches Wohnhaus

Im Laufe des 19ten Jahrhunderts entwickelte sich der Bedarf nach mehr Wohnraum in Städten, ausgelöst durch Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und vermehrten Zuzug in die Stadt.

Es entstanden vier- bis fünfgeschossige Wohnhäuser, häufig mit um die zehn Wohnungen und oft in Mischgebieten kombiniert mit Handwerks- und Gewerbebetrieben in Hinterhöfen, sowie straßenseitigen Geschäften und Läden. In Hamburg sind das bis heute die beliebtesten und belebtesten Stadtgebiete.

Massensiedlung

Die Entwicklung der wachsenden Städte hält bis heute an. Im 20ten Jahrhundert wurde durch die Entflechtung städtischer Funktionsbereiche die funktionale Stadt angestrebt (Charta von Athen - CIAM), mit einer Trennung von Großwohnsiedlungen, Büros, Einkaufsmöglichkeiten, Gewerbe und Industrie, mit der Folge von zunehmenden Verkehr und der folgenden Erfordernis der autogerechten Stadt.

Es wird versucht, preiswerten und als lebenswert gedachten Wohnraum für möglichst Viele herzustellen und es entstehen Gebäude und Wohnanlagen mit vielen bis sehr vielen Wohnungen. Ich beschränke mich hier exemplarisch auf drei Beispiele aus Hamburg. Weltweit gibt es größere und höhere Gebäude dieser Art, z.B. in China.

Oft wissen die Bewohner nicht mehr, wer alles in dem Gebäude lebt, in welchem sie selbst wohnen. Dies kann zu Anonymität, Vereinsamung, Depression führen. Mit speziellen Sozialprogrammen wird versucht, den negativen Erscheinungen entgegenzuwirken.

Laubenganghäuser, Dulsberg, Hamburg - ab 1927, Fotos 1981

Das Konzept der Gartenstadt war eine Reaktion auf die damaligen schlechten Wohnverhältnisse. Die kleinen über Laubengänge erreichbaren Wohnungen wurden mit Gemeinschafts-Wannenbädern und Gemeinschafts-Waschküchen konzipiert. Es gab Dachterrassen und parkähnliche Gärten, die allen Bewohnern zur Verfügung standen.

Symmetrien - Dulsberg Siedlung, Hamburg Symmetrien - Dulsberg Siedlung, Hamburg Symmetrien - Dulsberg Siedlung, Hamburg Fluchten - Dulsberg Siedlung, Hamburg Parkanlage - Dulsberg Siedlung, Hamburg Privates Glück - Dulsberg Siedlung, Hamburg

Lenzsiedlung, Eimsbüttel, Hamburg - 1970er bis 1980er Jahre, Fotos 2021

Die Siedlung ist ein Beispiel für ein Konzept mit sehr hohen Dichten und Geschosszahlen von bis zu 16 Geschossen. Der Anteil an Erwerbslosen liegt weit über dem Durchschnitt. Lange gab es soziale Probleme, welchen die Stadt mit speziellen Förderprogrammen engegenwirkt.

Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel - 2021 Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel - 2021 Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel - 2021

Baakenhafen, Hafen-City, Hamburg - ab 2020, Fotos 2021

Hier findet derzeit ein weiterer Versuch statt, möglichst viele Wohnungen auf engem Raum unterzubringen. Diesmal mit geringeren Geschoßzahlen von sieben bis neuen Geschossen, aber dichterer Bebauung. Es bleibt abzuwarten, ob hier nicht die Fehler der 70er Jahre wiederholt werden.

Neue Wohnungen in der Hafencity Hamburg - 2021 Neue Wohnungen in der Hafencity Hamburg - 2021 Neue Wohnungen in der Hafencity Hamburg - 2021 Individualisierte Loggia - Hafencity Hamburg - 2021

Informelle Siedlung

Der Begriff ist eine Umschreibung für Slums. Dahinter verbergen sich Armut und Elend. Rund eine Milliarde Menschen leben weltweit in Slums. Die romantische Vorstellung einer Urhütte und jede Architekturtheorie erscheinen in diesem Zusammenhang als Farce. Slums sind ein Fakt in unserer Welt. Die Menschen wollen überleben. Gleichwohl ist auch hier erkennbar, wie Menschen versuchen, sich ein kleines oder kleinstes Refugium zu schaffen, was jedoch nicht über die tatsächlichen Zustände hinwegtäuschen darf.

Mit beigefügt ist ein Foto der verwahrlosten "Platte" eines Obdachlosen. Er saß in einem Kiosk auf dem Boden und bettelte um ein Bier. Nachdem er es bekam, ging er zurück zu seinem höchst unsicheren "Refugium".

Bei aller Kritik, die an Massensiedlungen geübt werden kann, erscheinen diese in Anbetracht von Slums und Obdachlosigkeit doch in einem anderen Licht.

Obdachloser an einem Bahnhof in Hamburg Aufgeräumter Schlafplatz samt Möbeln in einem Fußgängertunnel in Bremen

Spezielle Refugien

Die Raumstation ISS ist im Sinne eines Rückzugsortes eigentlich kein Refugium, sondern in einer Umgebung abseits des irdischen Lebensraums einzige Überlebensmöglichkeit.

Fazit

Die Facetten, wie wir Menschen heute leben und untergebracht sind, sind außerordentlich vielfältig und reichen von entbehrungsreich bis hin zu luxuriöis. All das kann hier nur kurz angerissen werden und auch nur soweit, wie es meinem eigenen Erfahrungshorizont entspricht.

Die gezeigten Fotos wurden weit überwiegend in Deutschland aufgenommen. Die vorgenommene Kategorisierung bezieht sich auf die Größen und Anzahl der Wohnungen in den Gebäuden. Schaut man auf Fotos von anderen Teilen der Welt, so sieht man vergleichbare Größen und Anzahlen.

Gemeinsam scheint uns allen zu sein, daß offenbar jeder Mensch versucht, sich allein oder in Gruppen einen Rückzugsort, eben ein Refugium zu schaffen. Das Ursprungsmoment unserer Seßhaftwerdung vor langer Zeit hat uns offenbar nachhaltig geprägt. Ich denke, es darf dies behauptet werden: Die Idee der Urhütte ist kulturübergreifend universell.

Zusammenfassung

Architektur muß die Selbstbestimmung des Menschen und seinen Urwunsch nach einer eigenständigen Gestaltung seines Wohnraumes und seiner Umgebung berücksichtigen.

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