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Thorsten Reinicke
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Baukultur

Obwohl jeder mit ihren Ergebnissen konfrontiert ist, weiß eigentlich niemand so recht, was denn darunter zu verstehen ist.

So fragt die deutsche Bundesstiftung für Baukultur: Baukultur - Was ist das?. Und die Initiative Architektur und Baukultur - gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen - möchte die Themen Architektur und Baukultur einer breiten Öffentlichkeit näherbringen.

Schon unsere frühen Vorfahren lebten in umbauten Räumen, lange bevor man sich darauf einigte, diese als Architektur zu bezeichnen. Architektur wird täglich erlebt - ob bewußt oder unbewußt. Sie muß nicht nahegebracht werden. Sie ist da.

So gesehen können Architektur und Baukultur nicht zu einem Thema gemacht werden. Gebautes ist Grundlage unserer Zivilisation. Kultur im üblichen Verständnis ist etwas, was aktuell gelebt und gefühlt wird. Sie läßt sich nicht erzwingen. Aber steht es jedem frei, sich mit dem Bauen zu beschäftigen.

Unser Baugeschehen ist geprägt von gewohnten Vorstellungen, Vorurteilen und stetig wechselnden Moden. Echte Highlights sind selten. Bürger äußern sich häufig ablehnend gegenüber neuen Bauten. Es nützt wenig, ihnen einzureden, dies würde an ihrem Unverständnis für Architektur liegen. Denn tatsächlich verstehen sie sehr gut, ob sich Architektur nutzen läßt oder ob sie sie schön finden oder nicht.

Im deutschen Fall kommt hinzu, dass Ästhetik, Schönheit und ungewöhnliche Formen hier traditionell keinen hohen Stellenwert genießen. Deutsche Häuser müssen vielmehr solide gebaut und technisch gut ausgestattet sein.

Zunächst verleugnet Architektur durch ein übermaß an Funktion die Form, also sich selbst - siehe transform Teil 1 -, und trägt damit im Grunde recht wenig zu einer Baukultur bei. Und als dies der Öffentlichkeit nicht gefällt, soll das, was sowieso nur noch wenig vorhanden ist, ihr nahegebracht werden.

Der Laie muß Architektur weder können noch ihren Werdegang verstehen. Es reicht völlig, wenn er sie in ihm gefallender Weise nutzen und vielleicht sogar schön finden oder gar bewundern kann. Dies zu erreichen ist der Job der Architekten.

Da dieser Job nicht ordentlich erledigt wurde - was bei weitem nicht allein die Schuld der Architekten ist -, geht es nun um eine breite Diskussion, um eine Mitbestimmung bei der Planung. Was mag dabei herauskommen, wenn Leute mitreden, die von der Form noch weniger Ahnung haben als - mit allem Respekt - manche Architekten? Das dürfte erst Recht in einem Disaster enden.

Im Januar 2018 trafen sich die europäischen Kulturminister in Davos, um die gleichnamige Davos-Deklaration 2018 - Eine hohe Baukultur für Europa zu beraten und zu verabschieden. Das geschah - so wörtlich - in dem Bewusstsein, dass sich überall in Europa ein allgemeiner Verlust an Qualität der gebauten Umwelt und der offenen Landschaften abzeichnet, was sich in einer Trivialisierung des Bauens, in fehlenden gestalterischen Werten und einem fehlenden Interesse für Nachhaltigkeit, in zunehmend gesichtslosen Agglomerationen und verantwortungslosem Landverbrauch, in einer Vernachlässigung des historischen Bestandes und im Verlust regionaler Identitäten und Traditionen zeigt.

Das klingt fast nach einem Totalversagen des Baugeschehens. Ganz so ist es sicher nicht. Natürlich gibt es hervorragende Architekten und hervorragende Bauten. Aber für den weit größeren Bereich des Bauens gilt die Aussage eben doch. Wie erreicht man also eine hohe Baukultur? Läßt sich Kultur überhaupt erzeugen?

Immanuel Kant unterscheidet zwischen Kultur und Zivilisation. Für ihn sind Mensch und Kultur ein Endzweck der Natur. Damit verbunden ist der kategorische Imperativ: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Als Bedingung für Kultur gilt für Kant die Idee der Moralität. Die trennt den Menschen einerseits von der Natur, andererseits steht er als ihr Endziel in ihrem Dienst dieses Ziel zu achten und zu verfolgen. Menschen sollten ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einrichten. Ohne diesen moralischen Leitsatz vermag der Mensch sich bloß technologisch fortzuentwickeln, was zwar zur Zivilisation führt, nicht aber zu Kultur.

Das gilt auch für das Baugeschehen. Wollen wir wirklich, daß unsere Umwelt allgemein so aussieht, wie das Bauvorhaben, welches wir gerade entwerfen, planen und bauen? Unsere Bauten sind zwar technisch gut ausgestattet und erfüllen zumeist die geforderten Funktionen, dennoch beklagen die Kulturminister einen Verlust an Qualität. Es geht offensichtlich um etwas für uns Wesentliches, was über das bloße Bauen hinausgeht. Während meines Studiums fragte uns unser Entwurfsprofessor einmal, als wir ihm unsere Entwürfe vorlegten:

Findet Ihr das schön?

Architekten müssen auch künftig die - bauliche - Form vorgeben. Das ist ihre Aufgabe. Es ist unerträglich, wenn Laien - auch Investoren, Bauherren und Behörden - hier über das Maß mitbestimmen dürfen, und dies teils sogar aus Architektenkreisen selbst gefördert wird. Das hat nichts mit einem demokratischen Verständnis, sondern mit einer Huldigung der Inkompetenz und Denkfaulheit zu tun. Man stelle sich vor, ein Laie würde einem Chirurgen vorschreiben, wie dieser zu operieren hätte ... . Der Schaden wird nur größer.

Architektur muß frei entwickelt und gebaut werden können. Architekten müssen Gelegenheit erhalten, ihre Gedanken frei zu entfalten. Jede Selbstrechtfertigung oder überlange gestalterische Diskussion mit Laien schmälert die architektonische Kraft. Deren Fehlen wird ja gerade bemängelt.

Ist das Gebäude aber gebaut, dann darf und soll es kritisiert werden. Die geäußerte Kritik muß von der Architektenschaft bitteschön auch wahrgenommen werden. Die darf sich nicht selbstdarstellerisch in ein Wolkenkuckucksheim verziehen.

Es geht um das Streben nach dem an sich Guten. Das geht über die reine Funktion und Ökonomie hinaus. Es geht auch um die Klarstellung von Positionen, um die Anerkennung und Inanspruchnahme von Kompetenzen, sowie um die Feststellung, wo diese Kompetenzen eben nicht vorhanden sind.

Das ließe sich in der Summe tatsächlich als Baukultur bezeichnen, aus der heraus sich im Laufe der Zeit eine hochwertige bauliche Umwelt entwickeln kann. Die Frage lautet also nicht, Baukultur - was ist das?, sondern vielmehr, wie kann eine hohe Baukultur überhaupt entstehen? Das braucht einen Nährboden und es braucht Zeit.

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